Mein erstes Mal mit DictaPlus (Teil 1)

veröffentlicht in Legal Tech

 

Wozu soll ich bitte eine professionelle juristische Diktier- oder Spracherkennungssoftware benötigen? Seit der 7. Klasse kann ich – nahezu fehlerfrei – mit dem Zehn-Finger-System auf jeder Tastatur, die sich mir entgegenstellt, tippen. Die Geschwindigkeit dabei ist deutlich höher als das bei Anwälten weit verbreitete Drei-Finger-Blindflug-Modell, bestehend aus zwei Zeigefingern und einem Daumen. Ich habe im Studium meine Hausarbeiten nicht diktiert, sondern getippt. Und auch in meinem ersten „richtigen“ Job als Volljurist war an Diktieren nicht zu denken. Diesen hatte ich in der Rechtsabteilung eines großen Konzerns. Da könnte man schon auf die Idee kommen, dass etwa in der Rechtsabteilung, einer der definitiv eher konservativeren Abteilungen im Hause, diktiert wird. Aber: Fehlanzeige. Von den etwa 60 Mitarbeitern der Rechtsabteilung tat dies keiner, stattdessen tippte jeder seine Texte, Emails, Verträge und sonstige Schreiben selbst. So also auch ich.

 

 

Diktieren ist „old school“?!

 

Diktieren betrachtete ich, als Mitglied der Generation Y, auch eher als ein verstaubtes Relikt der Generation meiner Eltern. Ja, Diktieren ist „old school“. Mein Vater diktierte, er ist mittlerweile über 65 und damit definitiv und nachweislich kein Millenial. Sonntagnachmittags säuselte er in Formel-1-Tempo – ohne Rücksicht auf Vokale und Konsonanten – seine Arztbriefe im häuslichen Arbeitszimmer in sein analoges Diktiergerät. Die Sekretärin tippte diese dann zu Beginn der nächsten Woche in den Computer und druckte sie aus, bevor sie zum Briefkasten gebracht und verschickt wurden.

 

 

Für Notfälle gibt es ja Siri!

 

Seit jedermann den Laptop in Form eines Smartphones in der Hosentasche hat, macht eine professionelle Diktiersoftware noch viel weniger Sinn. Denn das kann ja nun jeder mit seinem Handy! Siri und all die anderen eingebauten Spracherkennungsmodule ermöglichen uns das, was früher nur dem Diktiergerät vorbehalten war. Das Handy – das längst allgegenwärtige, universal einsetzbare Diktiergerät in der Hosentasche. Und schaut man sich um, wird es bestätigt: Man sieht immer mehr Mensch, diversen Alters und Couleur, die durch die Gegend laufen und ihr Smartphone wie eine Scheibe Brot vor Ihrem Mund halten. Unglaublich aber wahr: Sie erstellen Sprachnachrichten. Egal, wie es als Außenstehender auch aussehen mag, das Bewusstsein, dass Sprechen schneller als selber Tippen ist, ist tatsächlich wieder da – und nicht nur bei denen, die damit Geld verdienen.

 

Auch ich nutze Siri, teilweise sogar täglich. Wenn ich gerade keinen Computer und keine Tastatur zur Stelle habe (selbstverständlich kommt so etwas niemals beim Autofahren vor), wurde eifrig ins iPhone diktiert. Siri versteht mich, zumindest weitestgehend (fehlerhafte Groß- und Kleinschreibung sind bei schnellen informellen Emails auch nicht das Problem). Gut, dass im privaten Kreis – auch unter Juristen – Tippfehler durchaus gebilligt werden. Denn fehlerfrei arbeitet Siri selten. Soll die E-Mail ohne Tippfehler und Fantasieworten ins Orbit gehen, muss (zeit)aufwändig nachgebessert werden. Meist dauert die Korrektur der Fehler einmal länger, als wenn man gleich den ganzen Text abgetippt hätte. Und vom Diktieren in einer Fremdsprache will ich gar nicht sprechen – hier kommen (jedenfalls bei mir) regelmäßig Texte heraus, die so dadaistisch klingen, dass sie irreparabel sind.

 

 

Warum nicht mal probieren?

 

Auch wenn ich dafür sicherlich keine Verwendung haben würde, sah ich keinen Grund, mich dem Angebot einer Testnutzung für DictaPlus zu versperren. Eine gute Bekannte, die bei dem Hersteller in der Softwareabteilung arbeitet, fragte mich, ob ich mich bereit erklären würde, die Spracherkennungssoftware DictaPlus über ein paar Wochen zu testen. (Warum sie mir das anbot, ist mir bis heute schleierhaft – aber insgeheim glaube ich, sie konnte es kaum fassen, dass der moderne Anwalt tatsächlich ohne juristische Spracherkennung auskommt…) Für den Test durfte ich das System kostenfrei nutzen. Manchmal muss man einfach über seinen Schatten springen und ein derart verlockendes Angebot annehmen, um etwas Neues kennenzulernen. Natürlich habe ich behauptet, dass mich sowas kein bisschen mehr nach vorne bringt, aber insgeheim war ich dann doch neugierig. So oder so ähnlich war mein Beginn mit DictaPlus.

 

Warum also nicht?

 

 

Ergonomie: top!

 

Mein erster Eindruck: Das Diktiergerät liegt deutlich besser in der Hand als mein Smartphone, mit dem ich bisher, wie ausgeführt, mehr schlecht als recht diktiert habe. Bei diesem weiß ich nämlich nie so genau, ob ich in die Scheibe sprechen soll, oder doch lieber erst Kopfhörer einstecken soll. (…Adapter zur Hand?)

 

Ich diktierte also fröhlich und das erste Mal in ein (digitales!) Diktiergerät vor mich hin, die ersten (sinnfreien) Testsätze gingen leicht von den Lippen. Der erste Eindruck: Auch eine professionelle Diktiersoftware für Juristen wie DictaPlus kann nicht zaubern. Leider. Der (zugegeben sinnfreie) Satz hatte mit „fehlerfrei“ so ziemlich gar nichts zu tun. Ich beschwerte mich bei meiner Bekannten und bereute es fast, dass ich mich für den Test breitschlagen ließ. Meine Freundin beruhigte mich; ich müsse dem System Zeit geben, da es mit der Zeit lernt und immer besser wird. Leider bin ich sehr ungeduldig. Ich hoffe also, dass sich das System für mich beeilt.

 

 

Wie teurer Wein: Mit der Zeit immer besser

 

Ich machte einen Tag Pause – und diktierte weiter. Aus Fantasiesätzen wurden die ersten Test-Sätze aus meiner täglichen anwaltlichen Arbeit. Siehe da: Plötzlich wurde ich doch hellhörig!

 

Warum sind auf einmal Paragrafenangaben, Absätze, Gesetzesnamen und Zwangsvollstreckungsmaßnahmen fehlerfrei im Text? So etwas hatte ich mit Siri und meinem Smartphone nie erlebt, sondern mich schon daran gewöhnt, diese Probleme schlicht zu akzeptieren.

 

Moment – macht juristische Spracherkennungssoftware etwa doch Sinn? Gibt es etwa doch einen kleinen, feinen Unterschied zur herkömmlichen Smartphone-Sprachtechnologie?

 

 

Im Nächsten Teil: DictaPlus und ich auf Tuchfühlung – oder: Der Appetit kommt beim Essen.

 

 

 

Unser Autor, Dr. Dominik Herzog, SYLVENSTEIN Rechtsanwälte

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SYLVENSTEIN Rechtsanwälte